„Die Freude ist geblieben“

Zum Ende des Jubiläumsjahres 2019 haben wir* mit kulturweit-Leiterin Anna Veigel über die Anfänge des Freiwilligendienstes gesprochen, darüber was gewesen ist, was bleiben wird und wo es hingehen soll.

Anna Veigel beim Festakt im Funkhaus

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Anna, dieses Jahr haben wir zehn Jahre kulturweit gefeiert. 2009 sind die ersten Freiwilligen ausgereist. 2008 fiel für dich der Startschuss bei kulturweit. Wie viel Zeit lag zwischen deinem Arbeitsbeginn und der ersten Freiwilligenausreise?


Nur elf Monate. Am 31. August 2009 haben wir 194 Freiwillige in der EJB am Werbellinsee*² begrüßt. Ein Seminarhaus für die begleitenden pädagogischen Vor- und Nachbereitungsseminare war auch das erste, was wir im Oktober 2008 gesucht haben.

Die Struktur und das Rechtliche um den Freiwilligendienst und die Anerkennung als FSJ im Ausland waren gesetzt. Auch die Partner als Mittlerorganisationen der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik und die Einsatzstellen standen fest. kulturweit ist ein Projekt der Deutschen UNESCO-Kommission und somit Teil der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Schwerpunkt war also von vornherein Bildung und Kultur.

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Was ist dir an kulturweit als Programm besonders wichtig?


Ein sehr wichtiger Aspekt ist die pädagogische Begleitung.

Ich finde es absolut essenziell, dass wir die kulturweit-Freiwilligen mit dem zehntägigen Vorbereitungsseminar und dem fünftägigen Zwischen- und Nachbereitungsseminar pädagogisch begleiten. Das ist ein sehr wichtiger Aspekt bei internationalen Freiwilligendiensten, der durch das Jugendfreiwilligendienstegesetz auch gesetzlich geregelt ist. Im kulturweit-Büro haben die Freiwilligen auch immer eine Ansprechperson.

Außerdem sind wir sehr schlank organisiert und können auf Änderungen externer oder interner Art schnell reagieren. Die Welt verändert sich immer schneller und wir wollen die Gesellschaft mitgestalten. Da müssen wir auch am Puls der Zeit sein und zuhören, mitkriegen was Bedürfnisse sind, aber auch darauf achten, was wir wollen.

Diese Balance ist wichtig: Was wird gebraucht, was wollen wir? Welche Themen kommen aus der UNESCO, aus der Deutschen UNESCO-Kommission, was aus dem Auswärtigen Amt. Was wird in der Zivilgesellschaft diskutiert, welcher Input kommt von den Freiwilligen, was kommt von den Partnern?

kulturweit ist ein Lerndienst. Ich werde auch nicht müde, das zu sagen. Es geht nicht um einseitige Hilfe. Wenn, dann helfen alle allen. Es geht auch darum sich zu erlauben, Fehler zu machen, daraus zu lernen und die Möglichkeit zu haben, das mit Freude und angstfrei zu tun. Für manche Dinge braucht man viel Zeit, Geduld und Vertrauen.

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  2. Wie hat sich kulturweit über die Jahre entwickelt und was bedeuten zehn Jahre kulturweit für dich persönlich?


Inzwischen arbeiten wir noch viel stärker inhaltlich. Unsere Arbeit hat jetzt mehr Impact – mehr Wirkung. Weil wir einerseits personell gewachsen sind und damit auch viel mehr Expertise haben und mehr machen können.

Die Weiterbildungen im Alumni-Bereich, verschiedene Workshops, Netzwerktreffen mit unterschiedlichen Akteuren, das Projekt „Gemeinsam freiwillig engagiert“, bei dem wir junge Frauen aus arabischen Ländern nach Deutschland zu einer Hospitation an Kultur- und Bildungseinrichtungen einladen oder die Natur-Komponente mit neuen Einsatzstellen weltweit, zum Beispiel in Biossphärenreservaten. Es hat sich schon sehr viel verändert.

Aber die Freude ist geblieben. Auch nach zehn Jahren noch. Es sind mittlerweile elf intensive Jahre meines Lebens – mit vielen Lernerfahrungen für mich persönlich und gemeinsamen Erfahrungen mit unterschiedlichen Menschen.

Diese Zeit hat mir gezeigt, was alles möglich ist. Wir konnten von Beginn an Dinge ausprobieren. Mit großer Professionalität natürlich. Die Basis muss stimmen. Das heißt die Organisation und die Struktur des Programms müssen laufen, weil man sonst die anderen Sachen nicht machen kann.

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  2. Hast du ein besonderes Highlight aus den letzten zehn Jahren oder gibt es vielleicht wiederkehrende?


Wenn wir Mails bekommen und jemand schreibt: „Ihr habt mich nach z.B. Usbekistan geschickt, nach Tashkent, und ich wusste gar nicht, wo das auf der Landkarte ist, und dann habe ich da meine Frau kennengelernt und meinen Berufswunsch nochmal überdacht. Danke!“ Das ist toll.

Und natürlich gibt es auch Kritik. Das darf alles sein. Dennoch kann man eigentlich gar nicht anders, als auch daraus zu „lernen“. Man kann seine kulturweit-Zeit schwierig gefunden haben, aber ich denke, sie ist nie bedeutungslos. 

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    Wie geht es mit kulturweit weiter? Was sind deine Wünsche für kulturweit?


Erstens wünsche ich mir natürlich, dass es überhaupt weitergeht. Aber da bin ich sehr zuversichtlich. Ansonsten Konsolidierung und Wachstum. Inhaltlich werden wir uns weiterentwickeln und in Zukunft andere Schwerpunkte im Freiwilligendienst setzen. Aber auf jeden Fall wünsche ich mir, dass noch mehr internationale Freiwillige zu uns nach Deutschland kommen können.


* (das kulturweit-Team)
*² (Anm.d.R.: Europäische Jugendbegegnungsstätte, seit Beginn 2009 der Seminarort für Vorbereitungs- und Nachbereitungsseminar)